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Übersäuert eine LCHF-Ernährung?

Übersäuert eine LCHF-Ernährung?

von Mag. Julia Tulipan aus dem Low Carb – LCHF Magazin 4 / 2016.

 

Die meisten werden schon einmal etwas von der „basischen Ernährung“ gehört haben. Die Theorie ist nett, leicht zu messen und irgendwie eingängig. Doch sie ist FALSCH. In diesem Artikel werde ich auf die Grundlagen der „Theorie des Säure-Basen- Haushaltes“ eingehen und warum die Vorstellung, man könnte über die Ernährung „übersäuern“, so nicht haltbar ist.

Die Grundidee der „Säure-Basen-Diät“

Es gibt einige unterschiedliche Varianten dieses Ernährungsmodells. Die Grundidee ist, dass es einerseits säureformende und andererseits basenformende Lebensmittel gibt. Die Vorstellung ist, einen allgemein basischen Zustand im Körper anzustreben und dass es daher gesundheitlich förderlich sei, säureformende Lebensmittel zu vermeiden. Die Anhänger dieser Hypothese sehen in einer erhöhten „Säurebelastung“ die Grundlage für Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Osteoporose.

Um den eigenen „Säure-Basen“-Zustand zu messen, wird empfohlen, den pH-Wert vom Urin zu messen. Das ist einfach, kostengünstig und gibt ein sofortiges Feedback.

Grundidee

1) Die Ernährung beeinflusst den pH-Wert im Blut
2) Der pH-Wert von Urin ist ein Indikator
3) Säurebildende Lebensmittel sind assoziiert mit negativengesundheitlichen Konsequenzen

Was sind die Fakten?

Nahrungsmittel beeinflussen den Urin-pH-Wert

Chemisch gesehen können Nahrungsmittel in sauer, basisch oder neutral eingeordnet werden. Diese Einordnung richtet sich danach, wie viele säureformende Komponenten in Form von Schwefel, Chlor oder Phosphat enthalten sind bzw. wie viele basenformende Komponenten in Form von Magnesium, Kalium oder Calcium. Alle tierischen Produkte und Getreide zählen somit zu den säureformenden Nahrungsmitteln, während Gemüse und Obst zu den basenformenden Lebensmitteln gezählt werden. Reiner Zucker, reines Fett und reine Stärken sind neutral, da sie weder Eiweiß (Protein), Schwefel noch Mineralstoffe enthalten (Quelle: http://ajph.aphapublications.org/doi/pdf/10.2105/AJPH.26.11.1113 und http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11842946).

Es ist auch richtig, dass Nahrung den Urin-pH-Wert beeinflusst (Quelle: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7797810). Allerdings ist der pH-Wert unseres Urins kein guter Marker für den Gesamt-pH-Wert oder überhaupt ein aussagekräftiger Marker für den allgemeinen Gesundheitszustand. Der pH-Wert im Urin unterliegt starken Schwankungen und wird durch viele Faktoren beeinflusst, wie Ernährung, Medikamente, Nierenerkrankungen, Harnwegsinfektionen und nicht zuletzt dadurch, wie viel man getrunken hat.

 

„Saurer Harn ist kein Hinweis auf eine Übersäuerung des Körpers, sondern Ausdruck dessen, wie gut die körpereigenen Eliminationssysteme funktionieren.“

Nahrungsmittel beeinflussen NICHT den pH-Wert im Blut

Eine weitere Aussage der Verfechter der „Säure-Basen-Hypothese“ ist, dass wir durch Nahrung direkt den pH-Wert im Blut beeinflussen könnten und dass ein „saures“ Blut negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat.

Regulation des pH-Wertes im menschlichen Körper

Im Gegensatz zum Urin-pH-Wert ist der pH-Wert im Blut sehr genau reguliert, wird in engen Grenzen gehalten und kann nicht durch die Nahrung direkt beeinflusst werden (Quelle: http://advan.physiology.org/content/33/4/275.full). Es gibt natürlich Zustände, bei denen der pH-Wert im Blut ansteigt. Dies wird als Acidose bezeichnet. Eine Acidose (Übersäuerung im Blut und Gewebe) tritt nur bei schweren Erkrankungen (z.B. Nierenversagen, unkontrollierter Diabetes) auf und ist lebensbedrohlich. Bei der Synthese von ATP (Adenosintriphosphat) aus Glukose, Aminosäuren oder Fett entsteht Lactat und CO2. Diese Säuren müssen aus dem System entfernt werden. Der Körper hat mehrere Möglichkeiten, wie er mit den überschüssigen Säuren umgeht (Quelle: http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?aid=9016507&fileId=S0007114513000962).

 

1) Puffer: Es gibt körpereigene Puffer, wie zum Beispiel Bicarbonat (HCO3−), um Säuren zu mildern.
2) Abatmen von CO2 über die Lunge
3) Ausscheiden von Säuren über die Niere und in weiterer Folge den Urin

Führen säureformende Lebensmittel zu Osteoporose?

Eine weitere Sorge ist, dass der Körper den Knochen Calcium entziehen muss, um die „Säurelast“ zu puffern und dies zu einer Demineralisierung und somit zur Entstehung von Osteoporose beiträgt. Hier wird die zentrale Rolle der Niere vollkommen ignoriert. Entstehende Säuren werden durch Bicarbonat (HCO3−) im Blut gepuffert. Es entstehen dabei CO2 und Na+-Salze. CO2 wird über die Lunge ausgeatmet, während Na+-Salze in Form von NH4+ über die Niere ausgeschieden werden. In der Niere wird dabei auch neues Bicarbonat (HCO3−) generiert und wieder ins Blut abgegeben, um dort das verbrauchte Bicarbonat zu ersetzen (Quelle: http://advan.physiology.org/content/33/4/275.full).

 

In epidemiologischen und klinischen Studien bestätigt sich die „Säuren-Basen-Theorie von Osteoporose“ nicht (Quelle: http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?aid=9016507&fileId=S0007114513000962). Viele Jäger- und Sammlerkulturen, wie etwa die Inuit und die Massai, essen eine „säureformende“ Diät, doch Osteoporose finden wir in diesen Kulturen nicht. Schaut man sich die Studien an, so scheinen sie auf den ersten Blick die Theorie des Calciumverlusts zu bestätigen. Tatsächlich ist es so, dass bei erhöhter Proteinaufnahme mehr Calcium über den Urin ausgeschieden wird.

 

Bei weiterer Analyse zeigt sich aber, dass jedoch auch gleichzeitig eine erhöhte Aufnahme von Calcium in den Knochen stattfindet. Misst man die Calcium-Balance (also Aufnahme minus Ausscheidung), so fanden Forscher keinen negativen Effekt bei einer säureformenden Diät (Quelle: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1359/jbmr.090515/full. Zusammenfassend kann man also sagen, dass eine proteinreiche Ernährung, auch wenn sie grundsätzlich säureformend ist, keine negativen Auswirkungen auf die Knochengesundheit hat. Grundsätzlich findet man in der Literatur eher das Gegenteil. Gerade bei älteren Menschen ist eine erhöhte Proteinaufnahme immer mit besserer Knochengesundheit und erhöhter Muskelmasse assoziiert. Klinische Studien, zwei Meta-Analysen und ein Review-Paper kommen geschlossen zu dem Ergebnis, dass kontrollierte randomisierte klinische Studien die Hypothese, dass säureformende Diäten den Verlust von Knochenmasse begünstigen und zu Osteoporose beitragen, nicht unterstützen (Quellen: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1359/jbmr.090515/fullx, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21529374xi, http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?fromPage=online&aid=8878808&fulltext Type=RV&fileId=S0007114513000962).

 

Ich hoffe, ich konnte einige Unklarheiten beseitigen und zu einem besseren Verständnis des Sachverhalts beitragen. Im zweiten Teil werde ich noch auf das Thema Krebs und die Annahme, dass eine säureformende Diät die Entstehung von Krebs begünstigt, eingehen.

Abschliessende Gedanken

Es ist sicherlich nichts Falsches daran, viel Gemüse zu sich zu nehmen. Wer mit einer wohlformulierten LCHF-Ernährung oder einer Paleo-Ernährung vertraut ist, der wird wissen, dass Gemüse eine zentrale Rolle spielt. Wirft man einen Blick auf die Liste der basischen  Lebensmittel so könnte man diese Liste, mit ein paar wenigen Ausnahmen, ebenfalls in einem Paleo-Buch finden. Auch die evolutionäre Betrachtung unterstützt die Hypothese nicht. Die meisten Jäger und Sammler essen eine netto säureformende Diät. Sie zeigen gute Knochengesundheit, kaum Entzündungen oder chronische Erkrankungen.

 

Lesen Sie ebenfalls zum Thema den Artikel Die besten Methoden, um deinen Körper zu entgiften

 

Das Buch „Diagnose: Nebennierenerschöpfung“ von Julia Tulipan und Nadja Polzin können Sie hier bestellen.

 

www.LCHF-Deutschland.de

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britta.wingartz@dvs-hg.de

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3 COMMENTS
  • Doreen 16. Mai 2018

    Sie schreiben „Es gibt einige unterschiedliche Varianten dieses Ernährungsmodells.“
    Auf welches Modell beziehen Sie sich denn jeweils? Die Modelle sind zum Teil geundverschieden, genauso wie die Einteilung der Lebensmittel in gute und schlechte Basenbildner und neutrale Lebensmittel.

    Ich bin der Meining, die verschiedenen Modelle sind in der Regel ganzheitlich zu betrachten und können nur schwer auf einzelne Aussagen reduziert werden.

    • Margret Ache
      Margret Ache 16. Mai 2018

      Hallo Doreen,
      ich werde die Frage an Julia Tulipan weiterleiten.
      LG
      Margret

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