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Diagnose Diabetes – ein Jahr danach

Diagnose Diabetes – ein Jahr danach
von Frank Linnhoff

StrandanglerMeine Lebensenergie schrumpfte vor einem Jahr zusehends, ich fühlte mich hinfällig und schlapp. So hatte ich mir mit 67 Jahren den Ruhestand nicht vorgestellt. Ich suchte meinen Arzt auf und bat ihn um ein Rezept für eine Blutanalyse.

Dann hielt ich den Brief vom Labor in der Hand, öffnete den Umschlag und las: Nüchtern-Blutzucker 450 mg/dl. Es traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Diabetes! Mein Vater hatte seit seinem 60. Lebensjahr Insulin gespritzt, häufig an Unterzuckerung gelitten und während der letzten Lebensjahre kaum mehr als 20 Schritte gehen können, bevor ihn heftige Schmerzen in den Beinen zwangen, sich zu setzen. Folgen des Diabetes. Mein Bruder trug während seiner zehn letzten Lebensjahre eine Insulinpumpe, war regelmäßig in einer Diabetesklinik in Behandlung, litt unter offenen Wunden an den Füßen. Ein Fuß musste infolge des Diabetes amputiert werden.

Panik stieg in mir auf. Was tun?

Zuerst meldete ich mich bei einem Endokrinologen an und erhielt einen Termin in zehn Tagen. Ich öffnete die Website der Deutschen Diabetes Gesellschaft, las Praxisempfehlungen und Leitlinien. Da stand klar und deutlich: „Typ-2-Diabetes ist eine chronische, progrediente Erkrankung, die durch vererbte und erworbene Insulinresistenz charakterisiert ist.“

Einmal Diabetes, immer Diabetes und noch dazu fortschreitend. Deprimierende Aussichten.

Glücklicherweise entdeckte ich die Website „dietdoctor.com“ des schwedischen Arztes Andreas Eenfeldt, dann das PDF-Dokument des Buches „Leben ohne Brot“ des österreichischen Internisten Wolfgang Lutz. Ich las die ganze Nacht und erfuhr Zusammenhänge im Spiel der Hormondrüsen, von denen ich nichts geahnt hatte. Ich kaufte ein Blutzucker-Messgerät und stellte meine Ernährungsweise, wie empfohlen, auf kohlenhydratarm und fettreich um.

Innerhalb von 3 Tagen sank mein Nüchtern-Blutzucker von 450 mg/dl auf unter 200 mg/dl. Euphorisch stürzte ich mich in einen Selbstversuch, aß zu diesem Zweck das Musterfrühstück für Typ-2-Diabetiker nach den VIS-Leitlinien des bayrischen Staatsministeriums für Umwelt- und Verbraucherschutz:
1 Mehrkornsemmel, 1 Scheibe Knäckebrot, 8 g Streichfett, 1 Scheibe Edamer 30% F. i. Tr., 1 Gurke, 1 Teelöffel Erdbeerkonfitüre. Das Ergebnis: Blutzucker vor dem Frühstück 180 mg/dl, eine Stunde danach 285 mg/dl, zwei Stunden danach immer noch 280 mg/dl.

Am folgenden Tag aß ich ein „englisches Frühstück“: Rührei von 3 großen Eiern in viel Butter angemacht, dazu 3 Streifen Frühstücksspeck. Das Ergebnis: Blutzucker vor dem Frühstück
180 mg/dl, eine Stunde danach 190 mg/dl, zwei Stunden danach 180 mg/dl.

Ein niederschmetterndes Ergebnis für das bayrische Diabetikerfrühstück, ein haushoher Sieg für das englische Frühstück. Ich kehrte zurück zur strikt kohlenhydratarmen und fettreichen
Kost.

Der Diabetes geht zurück

Eine Woche später lernte ich den Endokrinologen kennen, welcher zur Begrüßung meinen Blutzucker kontrollierte: 150 mg/dl am frühen Nachmittag, etwa eine Stunde nach dem Mittagessen. Er war sichtlich überrascht, hatte er doch nach Erhalt der Laborwerte gedacht, mich per Insulinspritze therapieren zu müssen.

Ich berichtete ihm, wie ich meine Ernährungsweise umgestellt hatte, worauf er meinte: „Machen Sie erst einmal so weiter, wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln.“ Wir vereinbarten, dass ich ihn ab jetzt im Abstand von 3 Monaten und jedes Mal mit einer aktuellen Blutanalyse aufsuchen werde. Er verschrieb mir Metformin, welches ich bald absetzte, weil es heftige Bauchkrämpfe verursachte.

Nach 2 Wochen war der Nüchtern-Blutzucker auf ca. 150 mg/ dl, nach 8 Wochen das erste Mal auf unter 120 mg/dl, nach zehn Monaten ständig auf unter 120 mg/dl gesunken.

Wichtiger als der Nüchtern-Blutzuckerspiegel, erklärte mein Endokrinologe, sei der prozentuale Anteil des Glykohämoglobins HbA1c am Gesamt-Hämoglobin. Er gebe Auskunft über die Blutzuckerwerte der letzten 3 Monate und solle möglichst unter 7% liegen.

Nach 3 Monaten LCHF war mein HbA1c-Wert von katastrophalen 13,6% auf 7,7%, nach einem halben Jahr auf 6,5% und nach einem Jahr auf erfreuliche 6,0% gesunken.

Meine Fettleibigkeit ist deutlich geschrumpft, minus 25 cm Bauchumfang. Mein Blutdruck sank von zu hohen 160/90 sehr schnell auf 125/70 mmHg. Meine Blutfettwerte sind exzellent, die Leberwerte in der Norm, die Nierenfunktion gut, keine Netzhautablösung, keine Durchblutungsstörungen. In den ersten 2 Monaten nahm ich zu, im 3. und 4. Monat wieder auf mein Ausgangsgewicht ab. Seitdem nehme ich langsam und stetig ab. Meine Lebensenergie hat sich spektakulär verbessert. Von erschöpft und passiv habe ich mich im vergangenen Jahr zu fit und aktiv gewandelt. Muskelstärke und körperliche Ausdauer sind spürbar gewachsen. Ich bin geistig wach, ausgeglichen und heiter.

liebliches FrankreichIch mache nun Fahrradausflüge von 50 km ohne zu ermüden, wogegen ich mich vor einem Jahr schon nach 5 km erschöpft fühlte. Ich schlafe besser, schnarche nicht mehr. Ich konnte förmlich spüren, wie meine Paradontitis verschwand und mein Zahnfleisch gesundete. Vielleicht das spektakulärste Ereignis: Meine schon vor 45 Jahren diagnostizierte Schilddrüsen-Unterfunktion hat sich etwas verbessert.

Meine Haut ist fester und straffer, meine Haare glänzen wieder. Das Ödem und die Schmerzen unter den Kniegelenken sind verschwunden. Meine zu große Leber ist spürbar geschrumpft, ebenfalls die zu große Prostata. Die Hämorrhoiden sind verschwunden. Meine Verdauung ist nun regelmäßig und angenehm ruhig. Keine Blähungen, kein Durchfall und keine Verstopfung mehr.

Meine Stimme ist fester und klingt jünger, der Tonumfang ist wieder wie in jungen Jahren. Singen und Tanzen machen wieder Freude.

Das Leben meint es gut mit mir. Was will ich mehr?

Was ist Typ-2-Diabetes?

Als Diabetiker gilt jemand, dessen Nüchtern-Blutzucker 125 mg/dl übersteigt und dessen Glykohämoglobin HbA1c mehr als 6,5% des Gesamthämoglobins beträgt. Das von der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon Insulin bewirkt bei insulinempfindlichen Menschen, dass die Glukosemoleküle, welche durch die Verdauung der kohlenhydrathaltigen Nahrung ins Blut gelangt sind, mit wenig Insulin in die Körperzellen eintreten, wo sie als Energielieferant dienen. Bei Insulinresistenz ist dieser Vorgang gestört. Den Körperzellen fehlen Insulinrezeptoren, weswegen sie nur widerwillig Glukose einlassen. Die Glukose verbleibt im Blut, worauf die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschüttet, um sie in die Zellen zu zwingen. Der Insulinspiegel steigt. Je höher der Insulinspiegel, um so mehr wächst im Laufe der Zeit die Insulinresistenz, um so mehr Insulin wird produziert… Ein Teufelskreis.

Heute weiß ich, dass dieses böse Spiel bei mir schon vor etwa 50 Jahren einsetzte. Schon damals schwankte mein Blutzuckerspiegel anormal stark, mein Insulinspiegel war wahrscheinlich schon zu hoch. Dies erklärt, neben den Müdigkeitsanfällen nach dem Mittagessen, den ewigen Kampf gegen mein Übergewicht, den ich ab meinem 45. Lebensjahr trotz fettarmer „gesunder Mischkost“ und diversen Hungerkuren unter ärztlicher Aufsicht verloren hatte.

Mit der ketogenen Ernährung hat sich die Situation grundlegend geändert. Mein Blutzuckerspiegel ist am höchsten, wenn in den frühen Morgenstunden die Leber vermehrt Glukose bildet und in den Blutkreislauf ausstößt. Doch im Unterschied zu früher steigt er nach den Mahlzeiten kaum an, sondern fällt langsam bis in die Abendstunden auf etwas unter 100 mg/dl ab. Nach Dr. Lutz gehen Insulinresistenz und Hyperinsulinämie typischerweise mit einem Mangel an Wachstumshormonen
einher. So auch bei mir. Mit der LCHF-Ernährung verschwand dieser Mangelzustand, was die vielfältigen gesundheitlichen Verbesserungen erklärt, welche ich seitdem erlebe.

Ich erfuhr am eigenen Leibe, wie tiefgreifend unsere Ernährung auf vielfältige, hormonell gesteuerte Stoffwechselfunktionen einwirkt. Ich verstand, dass die Behandlung von Typ-2-Diabetes
nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Blutzuckerregulierung geschehen darf, wie dies bei meinem Vater und Bruder der Fall war.

Gesunder Menschenverstand

auf dem Lac d'HourtinTyp-2-Diabetes trat noch vor 100 Jahren sehr selten in Europa auf. Hausärzte, deren Patienten aus dem „einfachen Volk“ stammten, hatten nicht selten keinen einzigen zuckerkranken Patienten behandelt, wenn sie in Pension gingen. Vor 50 Jahren hatten schon etwa 2% der deutschen Rentner Diabetes, heutzutage sind es 20% und mehr, davon besonders betroffen die „einfachen“ Leute. Vor 100 Jahren waren in der Hauptsache die „gebildeten“ Reichen Diabetiker, heute sind es die „ungebildeten“ Armen. „Macht Dummheit dick und zuckerkrank?“ titelte daraufhin eine Berliner Zeitung. Der bayrische Ministerpräsident wusste die Antwort: „Mit mehr Bildung gegen Übergewicht und Diabetes“.

Offensichtlich ist es nicht jedermanns Sache, zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden zu können.

Obwohl es vor 100 Jahren noch kein Fremdinsulin gab, gelang es den damaligen Internisten durchaus, den Diabetes ihrer Patienten zu behandeln: durch eine kohlenhydratarme und
fettreiche Ernährung mit unverfälschten Lebensmitteln. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mein Großvater bis zu seinem Tode 1957 seine Zuckerkrankheit – so nannte man damals Diabetes – und seine Leibesfülle allein mit einer kohlenhydratarmen und fettreichen Kost voll im Griff hatte.

Er verbrachte seine Tage im Garten, rauchte Zigarre und hielt nichts von Sport. Sonntags spazierte er mit seinen Enkelkindern gemächlich bis zum Waldgasthof, wo er sich gern Sauerkraut mit Schweinebauch und einen Schoppen Moselwein bestellte, am Nachmittag mit seinen Sangesbrüdern „Am Brunnen vor dem Tore“ anstimmte, was wir Kinder echt peinlich fanden.

Das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung schreibt zum Thema Ernährung: „Früher, als die Therapiemöglichkeiten der Diabetiker noch nicht so flexibel waren wie heute, gab es eine
spezielle Diabetesdiät. Diese gibt es heute nicht mehr. Die Ernährung der Diabetiker sollte eine gesunde Mischkost sein, so wie sie jeder Mensch essen sollte. Der einzige Unterschied besteht für Typ-2-Diabetiker darin, dass sie wegen ihres meist bestehenden Übergewichts auf den Kaloriengehalt achten sollen. Beim Kochen sollte die verwendete Fettmenge möglichst gering ausfallen und andere fettreiche Lebensmittel sollten nur in geringer Menge eingesetzt werden. Eine fleischarme Ernährung mit viel Gemüse, Salat und Vollkornprodukten ist sinnvoll.“

Die meisten Diabetes-Fachgesellschaften, so auch das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung, empfehlen Diabetikern 50-60% ihrer Nahrung in Form von Kohlenhydraten zu sich zu nehmen. Befremdlich, wenn man bedenkt, dass Typ-2-Diabetes die Folge eines stark gestörten Kohlenhydrat-Stoffwechsels ist.

Alle Kohlenhydrate, auch diejenigen aus Vollkornprodukten, ebenso die mit niedrigem glykämischen Index, treten nach ihrer Verdauung als Glukose in den Blutkreislauf ein. Weil meine Körperzellen insulinresistent sind, steigt mein Blutzuckerspiegel stark an und verharrt lange Zeit auf zu hohem Niveau, obwohl meine Bauchspeicheldrüse immer noch viel Insulin ausschüttet. Ich wurde fettleibig und bekam Diabetes, weil ich viele Jahre lang mehr Kohlenhydrate aß, als mein gestörter Stoffwechsel tolerierte. Die fettarme „gesunde Mischkost“ aus 50% und mehr Kohlenhydraten, welche mir meine Ärzte ausnahmslos empfohlen hatten, war für mich reines Gift.

Fett ist gesund

Der amerikanische Arzt und Forscher Weston A. Price hatte schon in den 1930er Jahren belegt, dass diejenigen Völker einen ausgezeichneten Gesundheitszustand haben, welche sich traditionell von naturbelassenen Lebensmitteln und tierischem Fett ernähren. Fettleibigkeit und Diabetes kennen sie kaum. Sobald sie unsere Ernährungsweise mit viel Zucker, viel raffiniertem Mehl und süßen Getränken übernehmen, breiten sich Zahnkrankheiten, Fettleibigkeit, Diabetes, Herzkrankheiten, Krebs und Demenz epidemisch unter ihnen aus.

Wenn ich mich zur Hauptsache von Kohlenhydraten ernähre, wie es bei unserer „gesunden Mischkost“ der Fall ist, nutzen meine Körperzellen Glukose als Energiequelle. Wenn ich einige Tage lang gefastet habe oder mich zur Hauptsache von Fett ernähre, dabei sehr wenig Kohlenhydrate zu mir nehme, produziert die Leber Ketonkörper. Nach einer gewissen Umstellungsphase nutzen meine Körperzellen, insbesonders mein Gehirn, diese sehr gern als Energielieferanten. Im Unterschied zur Glukose benötigen Ketonkörper kein Insulin, um in die Zellen und die Mitochondrien zu gelangen.

Im täglichen Leben

frankEs fiel mir leicht, den Zuckeranteil in meiner Kost auf ein Minimum zu reduzieren, Süßspeisen, Gebäck und Süßgetränke hatten mich nie angezogen. Der Verzicht auf Brot, Kartoffeln, Reis und Nudeln fiel mir nicht leicht, sie hatten die Basis meiner Ernährung gebildet. Am schwersten fiel es mir, ausreichend Fett zu essen. Erst als ich einen außergewöhnlich hohen Nüchtern-
Blutzuckerspiegel maß, nachdem ich am Vorabend sehr viel Meeresfrüchte gegessen hatte, begriff ich, dass ich Eiweiß nicht unbeschränkt zu mir nehmen darf. Seitdem esse ich bewusst relativ kleine Portionen an Fleisch und Fisch, immer von Butter oder einer fetten Soße begleitet.

Mittlerweile ist mir die ketogene Küche in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist eine wohlschmeckende Kost, für welche ich überraschend wenig Zeit und Mühe aufwende. Der Diabetes
ist verschwunden, Lebenskraft und Lebensfreude sind wieder in mein Leben getreten.

Ich bin mir jedoch sehr bewusst, dass mein Stoffwechsel sofort wieder entgleist, sollte ich zur kohlenhydratreichen Kost zurückkehren. Die Insulinresistenz mag sich verbessert haben,
doch sie ist keinesfalls verschwunden. Kürzlich traf ich Beate, eine deutsche Freundin, bei welcher im vorletzten Jahr ebenfalls Typ-2-Diabetes diagnostiziert wurde. Sie folgt genau den Vorschriften und der Therapie ihres Diabetologen: Mischkost auf Kohlenhydratbasis, viele Vollkornprodukte, täglich fünf Portionen Obst und Gemüse, sehr wenig Fett und wenig Fleisch, aufgeteilt in drei Haupt- und drei Zwischenmahlzeiten zu festgelegten Zeiten mit maximal 1500 Kalorien täglich. Morgens, mittags und abends eine Insulininjektion nach Messen des Blutzuckers, dazu Tabletten zur Senkung des Blutdrucks und des Cholesterins, tägliches Fitnesstraining, tägliche Gewichtskontrolle.

All dies beschäftige sie den lieben, langen Tag. Glücklicherweise sei sie in Rente, lebe allein und die Kinder seien schon lange aus dem Haus, so dass sie sich nur um sich selbst kümmern müsse. Trotz aller Mühen sei ihr Langzeitblutzucker immer noch zu hoch. Immer wieder gerate sie in Unterzuckerung, obwohl sie alles richtig mache. Statt abzunehmen habe sie einige Kilo zugelegt. Es sei zum Verzweifeln, ihre Gedanken drehten sich nur noch um Abnehmen und Diabetes.

Ich habe ihr von meiner Ernährungsumstellung berichtet: dass ich mir in der Regel nur mittags und abends eine Mahlzeit zubereite, morgens oft noch keinen Appetit habe, keine Kalorien zähle, kein Fitnesstraining betreibe und trotzdem abnehme, keine Medikamente einnehme, Unterzuckerung nie erlebt habe und der Diabetes verschwunden sei. Ob denn das viele Fett nicht schrecklich ungesund sei, meinte sie.

Der Kreis schließt sich

„Ach Beate, nicht Fett, sondern deine Fettangst ist für dich ungesund.“ Dies zu sagen, habe ich mir wohlweislich verkniffen, weiß ich doch zu gut, wie empfindlich ich bei solch einem Spruch reagieren würde. Ernährungsratschläge für übergewichtige Diabetiker sind eine heikle Angelegenheit, da schwappen Emotionen leicht hoch.

Wie gut es doch die Schafe auf der Weide haben, welche mich jedesmal anblöken, wenn ich ins Dorf radle. Ihr Tisch ist immer gedeckt. Im Gegensatz zu den halbblinden Pudeln meiner Nachbarin leiden sie nicht an Diabetes.

Vor Jahren habe ich mich in der Nähe des kleinen Seebads Montalivet niedergelassen, dort wo ich schon viele Sommerferien verbracht hatte. Von Atlantik und Gironde umspült, ist die Halbinsel Médoc eine dieser stillen und lieblichen Landschaften Südwestfrankreichs, in welchen das „gute Essen“ zum täglichen Ritual der Einheimischen gehört. Das sind keine komplizierten Gerichte aus teuren Zutaten. Es ist eine traditionelle Küche mit reichlich Butter, Gänse- und Entenfett, Gartengemüsen, fettem Fleisch, Fisch und Käse. Auch an Werktagen nimmt man sich hier
mindestens zwei Stunden Zeit für die Mittagsmahlzeit, zu welcher selbstverständlich ein Glas lokaler Rotwein gehört. Abends gibt es oft nur Salat und Gemüsesuppe.

In meiner westfälischen Heimatstadt sind jetzt fast 25% der knapp 70jährigen von Diabetes betroffen. Hier im Médoc seien es etwa 3%, sagte mir mein Endokrinologe.

So war es auch vor 60 Jahren in meiner Heimatstadt, als mich mein Großvater sonntags zum Waldgasthof mitnahm, wo er Sauerkraut mit Schweinebauch bei einem Römer Moselwein genoss. Er war damals so alt wie jetzt ich. Er hatte seine Zuckerkrankheit mit derselben Methode im Griff wie jetzt ich. Das stimmt versöhnlich.

Frank Linnhoff
lebt in Südwestfrankreich an der Atlantikküste in der Nähe von Montalivet
1947
in Hemer/Sauerland geboren, Abitur, Studium und Silberschmiedlehre
1975–2004
Arbeitsleben in der Industrie, ab 1980 in Frankreich
2004…
Neubeginn mit einem einfachen, naturnahen Leben, mit Tanz und Gesang, Malen und Gestalten.
Blogs:
» zuckerkrankwasnun.blogspot.fr
» wulewuu.blogspot.fr

Dieser Artikel wurde im Low Carb – LCHF Magazin 1/2016 publiziert. Frank Linnhof schreibt  die Diabetes-Kolumne „Süßes Blut“  im Magazin.

Iris Jansen und Margret Ache/www.LCHF-Deuschland.de

 

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