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„Süßes Blut“ – Die Diabetes-Kolumne

„Süßes Blut“ – Die Diabetes-Kolumne

von Frank Linnhoff aus dem Low Carb – LCHF Magazin 3 / 2016

 

Es ist eine alte Tradition, dass die Schulmedizin ihre Paradigmen ungern infrage stellt. So erstaunt es nicht, dass medizinische Fachgesellschaften die Forschungsergebnisse des Pathologen Dr. Joseph Kraft wenig beachten, der schon 1975 eine Testmethode vorstellte, durch die Diabetes im frühen Entwicklungsstadium diagnostiziert werden kann.

 

Frank Linnhoff

Für den bekannten Glukose-Toleranztest misst man seit 1921 die Konzentration des Blutzuckers vor und nach Einnahme einer bestimmten Menge flüssiger Glukose. Dr. Kraft erweiterte 1972 diesen Test, indem er vor und 1/2-1-2-3-4-5 Stunden nach Einnahme von 100 g flüssiger Glukose die Konzentration von Glukose und Insulin im Blut misst. In 14.384 Testreihen, welche er von 1972-1998 im St. Joseph Hospital in Chicago durchgeführt hatte, zeigten sich fünf typische Insulin-Verlaufsmuster.

 

Verlaufsmuster 1:

Die Insulinantwort startet bei einem Nüchtern-Insulinspiegel von weniger als 10 Mikroeinheiten/ml und erreicht ihren Höhepunkt von ca. 60 Mikroeinheiten/ml etwa 1/2-1 Stunde nach Einnahme der Glukose, um danach wieder auf das niedrige Grundniveau zu sinken. Beispiel für eine gesunde Insulinantwort bei fast immer normalen Blutzuckerwerten.

Verlaufsmuster 2:

Die Insulinantwort startet bei einem Nüchtern-Insulinspiegel von etwas über 10 Mikroeinheiten/ml und erreicht ihren Höhepunktvon ca. 120 Mikroeinheiten/ml später als 1 Stunde nach Einnahme der Glukose, um wieder auf das Grundniveau zu sinken. Beispiel für eine Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz bei zumeist normalen Blutzuckerwerten.

Verlaufsmuster 3:

Die Insulinantwort startet bei einem Nüchtern-Insulinspiegel von etwas über 10 Mikroeinheiten/ml und erreicht ihren Höhepunkt von ca. 130 Mikroeinheiten/ml später als 2 Stunden nach Einnahme der Glukose, um wieder auf das Grundniveau zu sinken. Beispiel für eine Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz bei zumeist diabetischen Blutzuckerwerten.

Verlaufsmuster 4:

Die Insulinantwort startet bei einem hohen Nüchtern-Insulinspiegel von ca. 60 Mikroeinheiten/ml und erreicht ihren Höhepunkt von ca. 180 Mikroeinheiten/ml später als 2 Stunden nach Einnahme der Glukose, um wieder auf das überhöhte Grundniveau zu sinken. Beispiel für eine ausgeprägte Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz bei zumeist diabetischen Blutzuckerwerten.

Verlaufsmuster 5 (gestrichelt):

Die Insulinantwort startet bei einem niedrigen Nüchterninsulinspiegel von 5 Mikroeinheiten/ml und erreicht ihren Höhepunkt von ca. 15 Mikroeinheiten/ml 1 Stunde nach Einnahme der Glukose. Beispiel für Insulinmangel. Zumeist manifester Typ-1-Diabetes.

Grafik 1 zeigt Durchschnittswerte des Insulinverlaufs von fast 15.000 Glukose-Toleranztests, welche Dr. Kraft und seine Mitarbeiter durchgeführt hatten. Innerhalb der einzelnen Muster gibt es mehr oder weniger ausgeprägt hohe Insulinspitzen.

Insulinmuster

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grafik 2 zeigt typische Blutzuckerverläufe nach dem Glukose-Toleranztest.

Das schockierende Ergebnis der fast 15.000 Testreihen von Dr. Kraft und seinen Mitarbeitern: weniger als 25% der getesteten Personen mit normalem Nüchtern- Blutzucker von weniger als 100 mg/dl und normalem Blutzuckerverlauf des Glukose-Toleranztests (Grafik 2) zeigten eine gesunde Insulinantwort entsprechend dem Verlaufsmuster 1 von Grafik 1. Mit der Messung des Blutzuckerverlaufs allein – wie auch heute noch allgemein üblich- wären 75% der Testpersonen als stoffwechselgesund diagnostiziert worden, welche es eindeutig nicht sind.

Blutzuckermuster

 

Dr. Kraft konnte belegen, dass Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz die treibende Pathologie von Typ-2-Diabetes ist. Schon eine späte und erhöhte Insulinantwort auf den oralen Glukose-Toleranztest bedeutet selbst bei normalen Blutzuckerwerten, dass sich Insulinresistenz im Organismus eingenistet hat. Diesen Zustand nannte er „Diabetes in situ“ oder „versteckter Diabetes“.

 

Zwischen dem Beginn der Krankheitsentwicklung und einem manifesten Typ-2-Diabetes vergehen oft Jahrzehnte, in welchen die Werte von Nüchtern-Blutzucker, Langzeit-Blutzucker und der orale Glukose-Toleranztest keine Auffälligkeiten zeigen und die getestete Person als stoffwechselgesund gilt. Ein fataler Irrtum.

 

Anhand der Ergebnisse von mehr als 3.000 Obduktionen konnte Dr. Kraft belegen, dass ein ständig erhöhter Insulinspiegel schon bei normalen Blutzuckerwerten das Endothel aller Blutgefäße des Organismus schädigt. Das Endothel ist die innerste Schicht aller großen, kleinen und kleinsten Blutgefäße. Diabetes äußert sich deswegen lange vor dem Auftreten von erhöhten Blutzuckerwerten als vaskuläre und kardiovaskuläre Pathologie.

 

Resultat: chronisch entzündete Blutgefäße, Herzinfarkt, Schlaganfall,Atherosklerose, Bluthochdruck, Nervenschädigungen, Durchblutungsstörungen, Erektionsstörungen, nichtheilende Wunden an Füßen und Beinen, Amputationen, Augenerkrankungen, Netzhautablösung, Nierenerkrankungen, chronisches Nierenversagen, Schädigungen des vegetativen Nervensystems und anderes  mehr.

 

Viele Ärzte ignorieren diese Zusammenhänge. Dies erklärt, weswegen sie den oralen Glukose-Toleranztest mit Insulinbestimmung kaum verschreiben, obwohl er sehr viel früher und aussagekräftiger als jeder andere Test eine Störung des Glukose-Stoffwechsels dokumentiert. Ebenfalls scheinen sie zu ignorieren, dass ein ständig erhöhter Insulinspiegel schwerwiegende vaskuläre und kardiovaskuläre Erkrankungen auslöst. Wie sonst könnten sie eine Insulintherapie verschreiben, ohne vorher geprüft zu haben, ob nicht ein ausgeprägter Hyperinsulinismus vorliegt, bei welchem noch mehr Insulin das Sterberisiko deutlich erhöht.

 

Bekanntlich verstärkt ein hoher Insulinspiegel den Fettaufbau und blockiert den Fettabbau. So müsste bei einem fettleibigen Patienten grundsätzlich überprüft werden, ob und wie stark er von Hyperinsulinämie-Insulinresistenz betroffen ist. Dies ist selten der Fall.

 

Mit den Forschungsergebnissen von Dr. Kraft sind die Richtlinien für eine kohlenhydratreiche, fettarme „gesunde Mischkost“ für Diabetiker, welche die Internationale Diabetes Federation, die nationalen Diabetes Gesellschaften und die World Health Organisation propagieren, spätestens seit 1975 unhaltbar. Denn es ist der hohe Anteil an hochverarbeiteten zucker- und stärkereichen, zucker-fetthaltigen Speisen und die kurzen Zeitabstände zwischen den Mahlzeiten dieser mittlerweile globalisierten „westlichen“ Standardernährung, welche Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz antreiben und der Menschheit chronische Krankheiten in bislang unbekanntem Ausmaß bescheren.

 

Die Pathogenese beginnt mit einer unscheinbaren Stoffwechselstörung, einer überschießenden, zeitverzögerten Insulinantwort auf Glukose, welche sich bei zucker- und stärkereicher Kost schleichend und unerkannt zu einer ausgeprägten Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz auswächst. Bei den einen frühzeitig Fettleibigkeit aufbaut, bei anderen frühzeitig alle Blutgefäße schädigt, bei wieder anderen werden chronisch überhöhte Blutzuckerwerte verursacht.

 

Wie viele Menschen, welche sich für kerngesund halten, sterben in relativ jungen Jahren an einem Herzinfarkt oder einem Gehirnschlag, weil ein ständig hoher Insulinspiegel ihre Blutgefäße angegriffen hatte? Es sind hunderttausende. Wer von uns ist sich über die schwerwiegenden Konsequenzen eines überhöhten Insulinspiegels bewusst? Ich war es die längste Zeit meines Lebens nicht. Mein Diabetologe ist es heute noch nicht, ihn interessieren allein die Blutzuckerwerte.

 

Dr. Kraft erkannte früh, dass der Blutzuckerverlauf des Glukose-Toleranztests ohne Kenntnis des Insulinverlaufs wenig Aussagekraft hat und die beginnende Entwicklung von Diabetes in den meisten Fällen nicht diagnostiziert.

 

So stellte er fest: „bei Vorträgen auf Herz-Kreislauf-Kongressen werden kardiovaskuläre Erkrankungen als Risikofaktor für Diabetes bezeichnet. Die häufigsten Pathologien von Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes, sind Athero-Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gefäßerkrankungen des Gehirns, Bluthochdruck, Nierenerkrankungen und -versagen, Netzhautablösung, periphere und zentrale Neuropathien, erektile Dysfunktion. Diese Pathologien entstehen schon, wenn die Blutzuckerwerte im Normalbereich sind. Die Pathologien von Diabetes sind keine Risikofaktoren. Sie sind klinische Pathologien von Diabetes! Wenn Sie eine der Pathologien von Diabetes haben, sind Sie Diabetiker und zwar unabhängig von ihrem Blutzuckerstatus.“

 

Es gibt kein Medikament, welches den Teufelskreis von Hyperinsulinämieund Insulinresistenz mit seinen fatalen Folgen verhindert. Dies schafft nur eine Ernährungsweise, für welche der menschliche Metabolismus geschaffen ist. Dies bedeutet: kaum Zucker, wenig Stärke, moderat Eiweiß und viel natürliches Fett aus naturbelassenen, nährstoffreichen Lebensmitteln. Dies stoppt den Teufelskreis von immer stärkerer Hyperinsulinämie und Insulinresistenz an der Wurzel.

 

Bei einer leichteren und mittelschweren Hyperinsulinämie und Insulinresistenz (Muster 2 und 3 von Grafik 1) normalisieren sich überhöhte Blutzuckerwerte in der Regel allein durch eine LCHF-Ernährungsweise. Bei ausgeprägtem Hyperinsulinismus (Muster 4 von Grafik 1) hat der hohe basale Insulinspiegel immer Fettleibigkeit aufgebaut, nicht selten über Jahrzehnte. Hier reicht die Ernährungsumstellung allein oft nicht aus. Erst mit intermittierendem Fasten oder mit längeren Fastenkuren gelingt es, den hohen basalen Insulinspiegel nachhaltig abzusenken. Erst dann kann sich Fettleibigkeit abbauen, der manifeste Diabetes remittieren und die Risiken für schwerwiegende Gefäßerkrankungen zurückgehen.

 

Etliche medizinische Labore bieten den oralen Glukose-Toleranztest mit Insulinbestimmung an. Dieser Test muss gut vorbereitet werden, z.B. muss man sich während der 3 letzten Tage kohlenhydratreich (300 g/Tag) ernähren, morgens nüchtern erscheinen und mindestens 3 Stunden für die Blutabnahmen einrechnen. Die gesetzlichen Krankenkassen ersetzen die Laborkosten von ca. 170 € nicht.

 

Auf der Titelseite seines Buches „Diabetes Epidemic and You“fragt  Dr. Joseph R. Kraft: „sollte sich jeder testen lassen?“ Und gibt die Antwort: „Absolut nicht! Nur diejenigen, die sich Gedanken über ihre Zukunft machen!“

 

Leider liegt dieses leicht verständlich geschriebene Buch von etwas über 100 Seiten nicht in deutscher Übersetzung vor. Dr. Kraft hatte diese Schrift 2008 im Alter von 88 Jahren herausgebracht, damit seine Forschungsergebnisse nicht vollständig in den Tiefen der medizinischen Archive verschimmeln. Was ihm gelungen ist.

 

Lesen Sie passend zum Thema auch die Übersetzung des Artikels „Ein neues Modell der Insulinresistenz “ von Dr. Jason Fung, M.D. (vom 17. Dezember 2016  in Diabetes, Insulin, The obesity epidemic von der Website Diet Doctor )

 

www.LCHF-Deutschland.de

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britta.wingartz@dvs-hg.de

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