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Interview mit Prof. Thomas Seyfried, Boston College

Interview mit Prof. Thomas Seyfried, Boston College

anlässlich der 1. KetoLive Conference im schweizerischen Bergün, 10.-14.6.2019

 

Ulrike Gonder mit Thomas Seyfried

Prof. Seyfried ist Professor der Biologie mit Forschungsschwerpunkten in Neurologie, Genetik und Onkologie. Er ist sich sicher und kann dies auch sehr plausibel und evidenzbasiert darlegen, dass Krebs in den allermeisten Fällen keineswegs eine genetische Erkrankung darstellt. Es handelt sich dagegen um eine metabolische, also eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Energiegewinnung der Zellen defekt ist. Entdeckt hatte dies der deutsche Wissenschaftler Otto Warburg bereits in den 1920er Jahren.

 

Diese neue Sichtweise auf Tumorerkrankungen verändert auch die Therapieansätze radikal. Kein Wunder, dass Prof. Seyfried eine äußerst kritische Einstellung zur gegenwärtigen Behandlung von Krebspatienten hat. Warum? Weil die bisherige Standardtherapie viele Patienten töte. Das betreffe besonders bestimmte aggressive Gehirntumoren (Glioblastome), bei deren Behandlung im Lauf der letzten 100 Jahre praktische keine nennenswerten Fortschritte erzielt wurden. Daher regte Seyfried in seiner jüngsten Publikation an, eine ketogene metabolische Therapie () zur neuen Standardbehandlung zu machen.

 

Unser Teammitglied Ulrike Gonder hatte auf der KetoLive Conference im Juni Gelegenheit, Prof. Seyfrieds Vorträge zu hören und im Anschluss mit ihm zu sprechen.

 

UG:      Können Sie unseren Lesern kurz erklären, warum Sie im Gegensatz zur verbreiteten Sichtweise Krebs nicht für eine Erkrankung halten, die durch zufällige Genmutationen entsteht? Sie sehen darin eine Stoffwechselerkrankung aufgrund einer defekten Energiegewinnung in den zelleigenen Kraftwerken, den Mitochondrien. Warum?

 

TS:       Das wichtigste Argument ist, dass wir in praktisch allen Krebszellen, die wir untersucht haben, defekte Mitochondrien fanden. Das heißt, dass die normale Energiegewinnung, die oxidative Phosphorylierung (oxPhos) oder sauerstoffbasierte Zellatmung, gestört ist. All´ die genetischen Mutationen und Auffälligkeiten folgen erst daraus. Sie sind nicht deren Ursache. Man kann es zum Beispiel daran zeigen, dass die Übertragung eines Zellkerns aus einer Krebszelle, der ja die genetischen Veränderungen in sich trägt, in eine entkernte gesunde Zelle, nicht zu krebsartigem Wachstum führt. Umgekehrt kommt es genau dazu, wenn man einen „gesunden“ Zellkern, also nicht mutiertes Genmaterial, in eine entkernte Krebszelle überträgt: Ihre defekten Mitochondrien sorgen dafür, dass es trotz intakter Gene zu unkontrolliertem Wachstum kommt.

 

UG:      Defekte Mitochondrien können nicht mehr “atmen“ und folglich können die Krebszellen auf diesem Weg nicht mehr genug Energie gewinnen. Wie überleben sie, wie können sie sich dennoch unkontrolliert teilen?

 

TS:       Keine Zelle kann ohne Energie leben, auch Krebszellen nicht. Ist die oxPhos kaputt, weichen sie auf andere Wege der Energiegewinnung aus, die jedoch keine geregelte Zellteilung gewährleisten können: Da wäre einmal die Fermentierung von Zucker (Glukose), die weder auf Sauerstoff noch auf Mitochondrien angewiesen ist. Das hat Otto Warburg in Berlin schon in den 1920er Jahren herausgefunden, und er hatte absolut recht damit. Der zweite alternative Weg zur Energieversorgung ist die Fermentierung der Aminosäure Glutamin, die ebenfalls keinen Sauerstoff erfordert. Diesen als Substratketten-Phosphorylierung (sPhos) bekannten Weg konnte Otto Warburg noch nicht kennen. Zu seiner Zeit verfügte man noch nicht über die Möglichkeit, die Nutzung von Glutamin laborchemisch nachzuweisen. Das ist das einzige „Missing Link“ in seiner Erklärung der Krebsentstehung. Fügt man diesen Punkt hinzu, muss man sagen: Warburg lag absolut richtig mit seiner Einschätzung, dass Krebs entsteht, weil Zellen nicht mehr atmen, sondern fermentieren. Erst dadurch kommt alles andere inklusive der Gene durcheinander. Es ist wirklich so simpel. In meinen Augen ist Krebs keine komplizierte Erkrankung.

 

UG:      Sie haben aufgrund dieser Erkenntnisse eine ketogene Stoffwechseltherapie (KMT = Ketogenic Metabolic Therapy) entwickelt, die Sie als „press-pulse“ bezeichnen. Das bedeutet chronischen Stress verursachen (press) und dann in kurzen Abständen (pulse) einen akuten Stressor dazugeben. Können Sie uns das bitte kurz erläutern?

 

TS:       Wenn man verstanden hat, dass Krebszellen ihre Energie aus der Fermentation von Glukose und Glutamin beziehen, dann kann die wichtigste Strategie zu ihrer Eliminierung nur sein, ihnen beide Substrate soweit möglich zu entziehen. Ein kompletter Entzug ist nicht möglich, denn es muss immer etwas Zucker in unserem Blut sein und ohne Glutamin könnten wir ebenfalls nicht leben. Unsere Press-Pulse-Strategie beruht einerseits darauf, die Krebszellen durch eine ketogene, also sehr kohlenhydratarme Ernährung, die ihnen einen ihrer wichtigsten Energielieferanten entzieht, chronisch unter Druck zu setzen. Dann verabreichen wir punktuell ein Medikament, das akut die Nutzung des Glutamins (Glutaminolyse), des zweiten Energielieferanten hemmt. Die Aminosäure ist nicht nur in vielen Lebensmitteln enthalten, sie entsteht auch in großen Mengen im Körper, sodass man sie nicht mithilfe einer Diät eliminieren kann. Daher das Medikament. Wir können es nur punktuell anwenden, weil Glutamin für viele Stoffwechselreaktionen im Körper benötigt wird, weil es vom Immunsystem benötigt wird und weil es die Darmschleimhaut schützt und nährt. Entzieht man den Krebszellen Glukose und Glutamin, sterben sie. Und genau das ist ja das Ziel einer Krebstherapie.

 

UG:      Eine ketogene Ernährung alleine kann es also nicht richten?

 

TS:       Wir gehen davon aus, dass praktisch alle Krebszellen Glukose und Glutamin nutzen können. Daher würde ich immer dazu raten, zusätzlich einen Glutaminolyse-Hemmer wie beispielsweise DON (6-Diazo-5-Oxo-L-Norleucine) einzusetzen. Das macht den Erfolg wahrscheinlicher.

 

UG:      Kritiker der ketogenen Ernährung argumentieren oft, Krebszellen würden auch Fettsäuren nutzen könnten und daher unter fettreicher Ernährung schneller wachsen. Was sagen Sie dazu?

 

TS:       Wie sollen Krebszellen Fettsäuren zur Energiegewinnung nutzen können, wenn ihre Mitochondrien defekt sind? Das ist nicht möglich. In der Biologie bedingt die Struktur die Funktion. In kaputten Mitochondrien ist keine Fettsäureoxidation möglich, weil die Strukturen dafür fehlen. Und weil Fettsäuren, ebenso übrigens wie Ketone, nicht fermentiert werden können, nützen sie den allermeisten Krebszellen auch nicht zur Energiegewinnung. Allerdings gibt es einen indirekten Weg, wie zu viel Fett das Krebszellwachstum fördern kann: Eine zu hohe Fettzufuhr kann die Krebszelle aufgrund biochemischer Veränderungen dazu veranlassen, mehr Glukose und mehr Glutamin aufzunehmen und zu fermentieren. Deswegen wächst sie schneller, nicht weil sie Fett nutzt. Daher halte ich auch nichts davon, Krebspatienten zu überfüttern. Man sollte nur so viel Nahrung zu sich nehmen, wie zur Deckung der physiologischen Bedürfnisse nötig ist.

 

UG:      Nun basiert die ketogene Ernährung, die ja Teil Ihres Therapiekonzeptes ist, auf einem erhöhten Anteil an Fett. Wie geht das zusammen?

 

TS:       Es ist richtig, dass eine ketogene Ernährung fettbetont ist, aber sie enthält zugleich nur sehr wenig Zucker bzw. Kohlenhydrate. Zudem sollte sie so zusammengestellt werden, dass der Blutzuckerspiegel möglichst niedrig liegt. Dennoch empfehlen wir keine Unmengen an Fett, da dies zu einer Steigerung der Glutaminnutzung führen kann. Wir raten zu einer kalorienreduzierten Form der ketogenen Ernährung, und dann werden auch keine Unmengen an Fett verzehrt. Zudem ist es wichtig, regelmäßig Blutzucker- und Ketonlevel zu messen. Jeder reagiert anders, daher gilt es, den individuell richtigen Weg zu finden. Das Verhältnis von Blutzucker zum Blutketonlevel (GK-Index, gemessen in mmol/l) sollte möglichst nahe an 1 liegen, dann ist der größte therapeutische Nutzen zu erwarten.

 

UG:      Sie raten auch zum regelmäßigen (intermittierenden) Fasten. Hat dies auch damit zu tun, dass die Glutaminolyse nicht angeregt werden soll?

 

TS:       Ja, das ist einer der Gründe. Darüber hinaus hat das Fasten aber weitere günstige Effekte. Es fördert nicht nur die Autophagie, sondern auch den autolytischen Kannibalismus. Das sind zwei verschieden Dinge: Autophagie findet innerhalb der Zellen statt, sie räumt sozusagen innen auf. Beim autolytischen Kannibalismus werden die Krebszellen von Immunzellen gefressen und komplett zerstört. Dieser Vorgang wird durch Fasten unterstützt.

 

UG:      Wie optimistisch sind sie, dass sich die ketogene, metabolische Therapie (KMT) künftig durchsetzen wird?

 

TS:       Ich bin sehr optimistisch! Allerdings müssen wir die Patienten besser informieren, sie müssen das von ihren Ärzten verlangen. Die Medizin glaubt ja noch weitgehend an die genetischen Ursachen des Krebses und setzt daher auf toxische, nebenwirkungsreiche und nicht selten tödliche Therapien. Ich bin überzeugt, dass sich die KMT zuerst in ärmeren Regionen durchsetzen wird, weil man dort nicht das Geld für die neusten, immens teuren und aus meiner Sicht absurd gefährlichen Medikamente hat. Die KMT ist einfach, wirksam und preiswert. An ihr stirbt man nicht.

 

UG:      Vielen Dank und weiterhin viel Elan und Erfolg für Ihre Arbeit!

 

 

Weitere Infos:

https://www.facebook.com/KetoLiveConference-362401067940345/?__tn__=%2Cd%2CP-R&eid=ARC3F-Kyhem18d0iM8OeIduUAexRuJSBULGiXudZpcu5O0SX5fvRmeXhfi3_ZL1efoWINYK9EX5BeuzH

 

Seyfried, TN et al.: Press-pulse: a novel therapeutic strategy for the metabolic management of cancer. Nutrition & Metabolism 2017,14:19, DOI 10.1186/s12986-017-0178-2

Seyfried, TN et al.: Metabolic therapy: A new paradigm for managing malignant brain cancer. Caner Letters 2015;356:289-300

Seyfried, TN et al.: Cancer as a metabolic disease: implications for novel therapeutics. Carcinogenesis 2014;35:515-527

Seyfried, TN et al.: Provocative Question: Should Ketogenic Metabolic Therapy Become the Standard of Care for Glioblastoma? Neurochem Res 2019, Apr 25. doi: 10.1007/s11064-019-02795-4

 

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Titelbild: GettyImages-538670020

Bild im Text: Ulrike Gonder

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